Friedenskultur 2010: Nukleare Abrüstung in der Kulturhauptstadt

Nukleare Abrüstung im Pott. Was fällt einem dazu als erstes ein? … genau. Ostermärsche. Und im Zweifelsfall fallen einem dazu noch ein Haufen Hippies ein, welche Frieden für alle fordern, während sie sich gerade den nächsten Joint drehen.

Am 19. und 20. März 2010 jedoch ein Kongress statt, welcher gezeigt hat, dass die Friedensbewegung mehr bietet. Viel mehr. Ich spreche von der Friedenskultur 2010, einem Kongress (und einem Martinee) im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010, welcher von zahlreichen Organisationen und Aktivisten der Friedensbewegung auf die Beine gestellt wurde. Hierzu zählen vor allem die Organisationen DFG-VK, pax christi, der IPPNW und das Essener Friedensforum.

Freitag: Für den Beginn eine Kreisdiskussion, bitte!

Das Programm am Freitag war denkbar kurz, es begann um 18:00 und endete gegen 20:30. Es bestand aus den üblichen Begrüßungsreden, einem musikalischen Duo und einer Diskussion mit dem Titel “Kultur des Friedens – Wege zu einem friedlichen Miteinander in der Welt der Globalisierung”. Die an Chansons der Berlin Cabaret Zeit orientierte Kunsteinlage von Susanne Zinsius und Pascal Schweren war sehr hörens- und sehenswert und machte die Begrüßungsreden deutlich weniger trocken – ein klares Lob an die Veranstalter für diese Auflockerung.

Die Diskussion danach dagegen hatte etwas skurriles an sich. Sie war einerseits sehr interessant, andererseits fehlte ein wenig der rote Faden. Das begann bereits damit, dass als allererstes der Begriff “Kultur” von den Diskussionspartnert demontiert wurde und endete in dem Ansprechen von sehr vielen Themen – nukleare Abrüstung in allen Facetten zu thematisieren ist nun einmal keine triviale Aufgabe. Trotzdem war es spannend, den Teilnehmern zuzuhören, da ihre verschiedenen Sichtweisen viele Anregungen zum Nachdenken gaben.

Vergreisung der Bewegung

Für mich besonders interessant war das von Antonia Kühn mehrfach angesprochene Thema “Jugendliche und junge Erwachsene in der Friedensbewegung”. Ein Blick durch die Reihen zeigte eine Menge Menschen, welche ohne weiteres als Alt-68er einzuordnen wären. Junge Menschen sah man dagegen selten, lediglich rechts hinten war ein kleiner Spot – und diese waren nicht einmal freiwillig da wie ich später festgestellt habe, dort war eine übereifrige FSJ-Leiterin am Werke. Weiter vorne turnte dann noch ein etwa 10-jähriger Junge herum, der sich zeitweise sichtlich langweilte und ohne seine Eltern sicher nicht dorthingekommen wäre.

Mit anderen Worten: Zusammen mit einer FSJ-Ehemaligen im Alter von 21 war ich mit meinen 25 Jahren wohl die Repräsentation der Jugend auf diesem Kongress. Etwas mager – wenn man mich fragt. Die Begründung darf man aber bei beiden Seiten suchen. Einerseits sind viele junge Menschen leider viel zu unpolitisch und allzu spontan, so dass es schwer ist, sie für ein solchen Thema zu motivieren. Auf der anderen Seite hat man manchmal aber auch das Gefühl, dass die Friedensbewegung so sehr in ihren romantischen Erinnerungen schwelgt, dass sie sich nicht auf junge Menschen einstellen kann, welche pragmatischer und mit neuen Kommunikationsmethoden an Probleme herangehen – siehe Bürgerrechtsbewegung im Netz. Hierzu aber später im Bereich “Kultur des Friedens in der Medienlandschaft” mehr. Einen kleinen Vorblick gibts trotzdem schon: Im Hauptsaal gab es weder WLAN noch UMTS / GRPS / Handyempfang. Die Integration von modernen Kommunikationswegen wie Twitter war also denkbar schwierig.

Samstags: Interessante Foren und Vorträge, gewürzt mit Verschwörungstheorien

Am Samstag teilte sich die Konferenz in mehrere Teile auf, um einzelne Themen besonders betrachten zu können und in kleineren Gruppen auch Diskussionen zu ermöglichen. “Diskussionen” war leider meist übertrieben, da die Referenten in den Foren oft weit überzogen und somit die Diskussion auf schnelle untereinander wenig verknüpfte Kommentare aus dem Publikum reduzierten. Einerseits waren die Vortragsteile in vielen Fällen sehr aufschlussreich (vor allem, um zu verstehen, was bestimmte Gruppen antreibt und wie sie denken), andererseits hätte ich mir auch mehr Kommunikation unter den Teilnehmern gewünscht. Diese verlief in weiten Teilen etwas gehetzt zwischen den Vorträgen und mutierte oftmals zu einem Geklüngel von Menschen, welche sich schon viele Jahre kannten – keine gute Voraussetzung, um Neulinge zu integrieren. Glücklicherweise hatte ich bereits im Vorfeld Kontakte geknüpft, so dass die “Integrationsbarriere” für mich nicht allzu hoch war. Außerdem hilft eine Spiegelreflex einfach wunderbar, um Kontakte aufzubauen – so ziemlich jeder will nachher die Fotos haben *g*

Der Samstag begann für mich mit der Teilnahme an dem Forum “Zivile und militärische Nutzung der Atomenergie: zwei Seiten einer Medaille?”. Dieser begeisterte leider relativ wenig Teilnehmer, was ich schade fand – immerhin ist das Thema meiner Meinung nach einer der wichtigsten überhaupt, da die Herstellung des nuklearwaffenfähigen Materials die größte Hürde zum Bau der Bombe darstellt. Während Regina Hagen und Michael Sailer hochinformative Vorträge boten und aus dem Publikum darauf folgend auch einige wertvolle Ergänzungen kamen, bot der dritte Referent Dr. Sebastian Pflugbeil ein etwas zweifelhaftes Bild. Er konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Vergangenheit und thematisierte ausgiebig die Atombombenentwicklung unter den Nazis und den Leukämiecluster Elbmarsch. Der Vortrag und einige Diskussionsbeiträge leideten an einer überaus einseitigen Betrachtungsweise und dem Aufstellen von marginal bewiesenen Thesen. Angesichts der vollkommenen Irrelevanz des ersten Themas für die heutige Zeit und der geradezu fanatischen Herangehensweise an das zweite Thema somit ein etwas gemischtes Gesamtbild des ersten Workshops.

Dieser Eindruck setzte sich in dem zweiten von mir besuchten Forum “Kultur des Friedens in der Medienlandschaft” fort. Die positive Betrachtung zuerst: Der Workshop hat mir einen ausgeprägten Ausblick auf die Strukturen der Friedensbewegung gegeben. Außerdem waren die Äußerungen sowohl der Referenten – Dr. Sabine Schiffer und Andreas Zumach – also auch der Diskussionsteilnehmer äußerst hilfreich, um Motivation und Denkweise der Teilnehmer kennenzulernen. Die Referenten boten des Weiteren einen ungeheuer informativen Einblick auf die Strukturen der Presse und den Problemen der Berichterstattung. Besonders interessant fand ich dabei die Beiträge zum Thema Zensur und Kontrolle der aus Kriegsgebieten kommenden Informationen, welcher anschaulich durch Beispiele aus den vergangenen Kriegen dargestellt wurde. Die Art der undemokratischen Informationsverschleierung habe ich ja bereits mit dem Thema Netzpolitik ausgiebig kennengelernt, einige Aspekte wie Details zum Embedded Journalism lassen einem dann trotzdem den Mund offenstehen. Das Thema schien viele Konferenzteilnehmer interessiert zu haben, der Raum war war so voll, dass einige Menschen auf der Treppe saßen.

Leider verlieren dabei einige Protagonisten jedes Maß und konstruieren dabei Verschwörungstheorien, wie sie abstruser nicht sein könnten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr manche Menschen danach streben, die Welt in gut und böse einzuteilen. Auf der Gegenseite meist das personalisierte Böse, man selbst als das absolute reine Gute. Die Realität wird dann dabei so weit verbogen, dass es kein grau mehr gibt, entweder man ist für oder gegen sie. Und es gibt immer einen einzelnen Menschen oder eine einzelne Organisation, die hinter allem Bösen steckt. Dieser Fanatismus mehrerer Teilnehmer führte leider dazu, dass viel Zeit verloren ging, um verschiedene 9/11 Theorien und anderen Kram anzusprechen. [UPDATE]Versteht mich nicht falsch, ich finde es extrem wichtig, wenn man kritische Fragen stellt, aber dies sollten Fragen sein, keine religiös anmutenden Suggestivfragen zur Überzeugung des Gegenübers von unbewiesenen Theorien.[/UPDATE] Dies ging dann zu Lasten einer präziseren Kampagnenplanung, es war leider nicht möglich, wichtige Ereignisse wie den Film “Countdown to Zero” oder auch die den meisten Teilnehmern unbekannten Möglichkeiten von Global Zero anzusprechen. Schade drum – dies wird die Friedensbewegung in Zukunft stark beeinflussen werden. Die Chancen dahinter sind meiner Meinung nach riesig, man muss sie nur kennenlernen und dann nutzen wollen.

“Früher war alles besser!”

Der Aspekt “Chancen nutzen” trat auch auf eine andere Weise etwas eigentümlich hervor: Es wurde mit einem leidenschaftlichen Vergnügen auf das Internet eingedroschen. Es war in den seltensten Fällen von Chancen die Rede, stattdessen wurde der Verlust jeder journalistischen Qualität beklagt. Außerdem wurde das Chaos im Netz kritisiert, viele Teilnehmer kommen mit der Informationsvielfalt sichtlich nicht zurecht und beklagten den Verlust von entsprechenden Leitmedien. Von sozialen Netzwerken, von dem Internet als letzte Bastion der Freiheit in einigen Staaten, von der zusammengeschlossenen Macht von Nutzern gegen Lobbyismus und Großkonzerne war leider fast nie die Rede. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es äußerst wichtig, die durch das Internet entstandenen Probleme zu thematisieren. Es ist nur einfach nicht zielführend, wenn das Thematisieren in ein rückwärtsgerichtetes Geheule ausartet. Das Internet ist da, und wir können es mitgestalten. Machen wir es uns also zunutze anstatt in Nostalgie zu schwelgen. Dies hätte den angenehmen Nebeneffekt, dass die Friedensbewegung in den jüngeren Generationen viel mehr Aufmerksamkeit kriegen würde. Denn wir sind nicht unpolitisch. Das hat der sensationelle Reinfall von Zensursula nun mehr als eindeutig gezeigt. Wir nutzen nur eine andere Sprache. Wenn man diese Sprache lernt, hat das Thema “nukleare Abrüstung” genauso wie das Thema “Zensur im Netz” eine große Chance sehr bekannt zu werden. Klimaschutzdebatte und Anti-Zensur-Bewegung aus dem Netz lassen grüßen.

Vernetzung unter den Friedensinitiativen

In einem dünn besetzten Vortrag folge darauf das Thema “Büchel, Kleine Brogel, Volkel – grenzüberschreitende Bewegung gegen Atomwaffen”. Dieser Vortrag war durchweg positiv, vor allem die in Belgien stark etablierte Bewegung des Bombspotting ist schlichtweg faszinierend. Und dessen Aktion in eine Nuklearwaffenlagerstätte einzudringen, selbige zu bemalen, über ne Stunde dort fröhlich langzuspazieren, am Ende von einem einzelnen Soldaten mit einer ungeladenen Waffe einkassiert zu werden und dann auch noch die SD-Karte der Videokamera herauszuschmuggeln ist einfach eine saugeile Aktion. Aber auch Deutschland und die Niederlande hatten einiges zu  bieten, gerade auch auf dem Gebiet der Motivierung von Jugendlichen. Am Rande wurde auch noch das politische Umfeld in unseren Nachbarländern thematisiert, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausgelotet, Zusammenarbeitsmöglichkeiten angesprochen. Außerdem wurde mehrfach die Integration der französischen Bewegung angesprochen, welche es angesichts der französischen Faszination für Nuklearbomben es wirklich nicht leicht zu haben scheint. Insgesamt ein Forum, aus dem man richtig motiviert herauskam.

Hohe Politik auf der Friedenskultur 2010

Hochmotiviert ging es dann weiter – das Ende der einzelnen Foren und Vorträge war erreicht und das Plenum “Notwendigkeit zum Handeln – deutsche Abrüstungsinitiativen (Diskussion mit Vertretern der Bundestagsfraktionen)” begann in dem Raum ohne Internet. Dies war äußerst schade, da dies wohl die Diskussion war, bei der ein Live-Twittern am meisten Sinn gemacht hätte. Zusammenfassend kann man sagen: Wow. Es hat mich echt positiv überrascht wie sehr die Bundestagsdelegierten das Thema angingen. Es herrschte ein ausgeprägter Pragmatismus vor – und eine erstaunliche Bereitschaft der Zusammenarbeit bei diesem Thema, welche nur durch ironisch-resignierende Kommentare zu der großen Distanz zwischen Teilen von CDU und der Linken gestört wurde. Zudem sind die MdBs sichtlich in der Welt nach dem kalten Krieg angelangt, die alten Feindbilder existieren nicht mehr, dafür der Wunsch, auf die aktuelle Situation reagieren zu können. Dies unterscheidete die MdBs von einigen Zuschauern, die sichtlich noch in ihrer Welt aus den Protesten in den 80er Jahren gefangen waren.

[Hier wird in den nächsten Tagen noch ein Update folgen, wenn sich ein paar Sachen geklärt haben. Schaut die Tage also einfach ab und an Mal vorbei :) ]

Internationaler Abschluss

Ganz am Ende wartete noch ein ganz besonderer Part auf uns: “Der atomaren Bedrohung entgegentreten – Atomwaffen abschaffen”. Dieses mit internationalen Diskussionpartnern (Alyn Ware, Träger des alternativen Nobelpreises 2009, Neuseeland; Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, IPPNW, Vertreter des Trägerkreises; Susi Snyder, IKV pax christi, Abolition 2000; Tadatoshi Akiba, Bürgermeister der Stadt Hiroshima, per Video-Botschaft) gespickte Plenum war ein äußerst motivierender Abschluss. Die Diskussion ging um die Aktivitäten in anderen Staaten, um die NPT Review Conference im Mai und um das das Gute und das Böse im Menschen. Insgesamt weniger inhaltsreich, dafür um so mehr Stimmung und eben Motivation. Und wann lernt man schon einmal eine Koryphäe wie Horst-Eberhard Richter kennen?

Nebenbei wurde die Essener Erklärung pressewirksam präsentiert – und der Oberbürgermeister von Essen Reinhard Paß gab bekannt, dass er just auf dieser Konfenz der Organisation “Mayors for Peace” beigetreten ist. Das Presseecho war trotz dieser Ereignisse und der namenhaften Besetzung leider dann doch eher verhalten.

Zusammenfassend eine exzellente Konferenz, die mich in Kontakt zu verschiedenen Gruppen innerhalb der Friedensbewegung gebracht hat. Ich habe viel gelernt, wenn auch meist weniger thematisch, dafür um so in Aspekten wie die Friedensbewegung denkt, fühlt, wo Verbindungen und wo Stolpersteine sind etc. – für mich als Frischling sehr weltvolle Informationen. Vielen Dank also für dieses Erlebnis, ich hoffe, dass ich mit einigen Akteuren weiter in Kontakt bleiben kann und meinen kleinen Teil dazu beisteuern darf, dass die Welt frei von Nuklearwaffen Realität werden kann!

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