Review: Die NPT Review Conference 2010

Die Konferenz ist fast vorbei. Fast vier Wochen sind vergangen, und die Signale aus New York sind recht gemischt – zu gemischt für meinen Geschmack. Schließlich hat die NPT Review Conference äußerst gut angefangen, und dieser äußerst gute Grundton zog sich die gesamten zwei Wochen meiner Anwesenheit lang durch. Aber von Anfang an.

Nach eigentümlichen Düsseldorfer Sicherheitsbeamten (“Wir wollen den Inhalt ihres Koffers sehen!” *alle Visitenkarten durcheinanderwirbel* “Bitte kommen Sie mit zu einer Zusatzkontrolle!” *wart* “Ach doch nicht, die Beamten haben gerade keine Zeit!”) und einem langen Flug – zumindest war er für mich lang, schließlich war ich noch nie außerhalb von Europa – landete ich in Newark Liberty International Airport. Dort angekommen wurde ich von einem hungrigen Sicherheitsbeamten durchgecheckt (welcher es sehr eilig hatte, nicht viel kontrolliert hat sondern lieber sofort danach zum Essen gedüst ist) und lernte dann beim Warten auf den  Shuttlebus ein Pärchen irgendwo aus der amerikanischen Pampa kennen, welches ihre beiden Töchter- Studentinnen – in New York besuchen wollten und mir kurzerhand aus dem Bus eine Stadtrundfahrt gegeben haben. Nach Krieg mit meiner Kreditkarte, zu großen Scheinen und dem Ticketautomaten der U-Bahn kam ich dann irgendwann deutlich verspätet in der Kirche an, welche für die nächsten zwei Wochen meine Heimat sein sollte.

Die Heimat hatte so ihre Tücken. So war der grüne Schleim in der Dusche in einer Epoche kurz vor der Erfindung des Rades, außerdem wurden wir regelmäßig um 8:00 rausgeworfen. Ferner erschallten zeitweise zu arg unchristlichen Zeiten sehr christliche Töne – die Jungs und Mädels konnten wirklich gut Musik machen, aber nach 0:00 ist’s dann doch etwas gewöhnungsbedürftig. Und dann war da noch die Sache mit dem Bier, das wir in der Kirche nicht trinken durften … aber die müssen wir hier nicht weiter ausbreiten. Prost.

Die ersten zwei Tage verbrachten wir auf der “International Conference for a nuclear-free, peaceful, just and sustainable World” ( … ein längerer Titel war nicht auffindbar … ) in der Riverside Church. Neben Ban Ki Moon und einigen weiteren prominenten Sprechern gab es eine Menge Workshops, bei denen vielfältige Themen diskutiert wurden und exzessiv Kontakte geknüpft wurden. Einer der Workshops war von und für Jugendliche und junge Erwachsene, bei welchem wir Basics zur NPT RevCon vermittelt bekommen haben – und wo urplötzlich dann Agnieszka Malczak Agnes hereinschneite und am Programm teilnahm. Außerdem gelangte ich an einen sehr interessanten Kontakt – der Federation of American Scientists, welche zur Zeit ein internationales Studentenprogramm namens “Students For International Security” zu initiieren versucht.

Am Sonntag wurden dann die Kandidaten für die Youth Speech gewählt (oder soll ich es German Youth Speech nennen? Alle Anwesenden waren 15 Stimmberechtigte von BANg Deutschland und der Deutschen Jugenddelegation da) ausgewählt. Gegen Abend gab es dann eine Demonstration mit rund 7.000 (Angabe der Polizei) bis 15.000 (Angabe der Organisatoren) Teilnehmern quer durch Manhattans Zentrum hin zur UN. Die Teilnehmer der Demonstration war äußerst vielfältig, es wurden viele Nationen, viel Kreativität und viel gute Laune gezeigt. Leider hat die Polizei Kontakt zu den Passanden größtenteils unterbunden und auch lediglich maximal zwei Spuren für die Demonstration freigegeben – es hatte ein bisschen etwas von Demo im goldenen Käfig. Ich selbst bin dort dem WDR begegnet und wurde beim fotografieren fast von einem unfreundlichen Taxi überfahren – vielen Dank an den unbekannten Polizisten, der mich auf das gelbe Monster hinwies. Die Taxen haben in New York aber fast alle einen … nennen wir es mal gewöhnungsbedürftigen Fahrstil. Der Rest der Verkehrsteilnehmer auch.

Montag durften wir dann endlich in die UN. Und 5 1/2 Stunden für unseren UN-Ausweis anstehen. Aber – endlich ein Ort, wo man ein Mittagessen ohne fast ohne Fastfood bekommen konnte! Die UN Cafeteria war wirklich ein Lichtblick in all dem New Yorker Junkfood. Letzteres teilte die Stadtbewohner auch in zwei Gruppen ein – in (wirklich) fette und in schlanke. Ironischerweise gab es relativ wenig dazwischen. Und auch Pärchen waren fast immer aus derselben Gruppe. Eine interessante Form der Gesellschaftsspaltung.

Und dann war da noch Global Zero. Direkt nach der Ankunft am Freitag nutzte ich ein paar freie Stunden, um Claire wiederzusehen und alles weitere abzusprechen. Da seitens der länger bestehenden Friedensinitiativen immer wieder Fragen (und Verschwörungstheorien) zu Global Zero gab, gab es am darauf folgenden Montag ein Treffen, bei der sich Global Zero vorgestellt hat und daraufhin eine Diskussionsrunde entstand. Nach all den Kommunikationsproblemen wirkte das authentische Auftreten von Galit und Claire Wunder, hinter der Initiative standen plötzlich Menschen, die so häufig vermisst wurden. Menschen, die auch gut Fragen beantworten konnten. Heraus kamen einige sehr neugierige Studenten und einige nachdenkliche Vertreter der alten Garde – und eine Einladung zum Screening des Filmes “Countdown to Zero” am Mittwoch in der zweiten Woche.

Was macht man in New York auf der NPT Review Conference, wenn man nicht gerade alte Bekannte aus Paris wiedersieht? Man trifft sich mit Vertretern von vielen verschiedenen Staaten, um auch aus jugendlicher Perspektive die Dringlichkeit des Themas zu unterstreichen und Informationen über den Verlauf der Konferenz zu bekommen. In unserem Fall waren dies Vertreter aus China, Großbritannien, dem Irak, dem Iran, der Niederlande – und natürlich Deutschland. Die beiden Kontrastpunkte waren hierbei wohl China und der Iran. Während die Volksrepublik klare Aussagen tunlichst vermied, gab uns der iranische Vertreter einen Grundkurs in iranischer Nuklearrüstungspolitik – und weil er schon dabei war, beantwortete er dann auch alle anderen Fragen zur Außen- und Innenpolitik mit. Das war wohl das interessanteste Gespräch von allen, und auch wenn man seine Aussagen zum Teil mit Vorsicht genießen durfte, so sind viele der iranischen Positionen aus ihrer Sicht durchaus logisch nachvollziehbar – der Iran ist nun einmal auch aus meiner westlichen Sicht allzu oft Opfer von sogenannten Double Standards.

Neben einem sehr ausführlichen Gespräch mit dem Deutschen Botschafter bei der UN Helmut Hoffmann, welcher uns einen wertvollen Einblick auf die Prozesse innerhalb der UN und natürlich auf die NPT RevCon bot, hatten wir auch die Chance, mit dem kompletten Unterausschuss Abrüstung des Deutschen Bundestages und noch einmal separat mit dem CDU-MdB Roderich Kiesewetter zu reden. Ein weniger formelles Treffen mit Agnes war ebenfalls geplant, musste leider aber aus Krankheitsgründen abgesagt werden. Wie dem auch sei – die stattgefundenen Meetings waren äußerst positiv und scheinbar ein Quantensprung im Vergleich zu dem Meeting während der NPT RevCon 2005. Hierbei möchte ich natürlich Uta Zapf erwähnen, welche wohl am Besten als Koryphäe der (nuklearen) Abrüstung auf politischer Ebene bezeichnet werden kann. Zudem hat Herr Kiesewetter uns alle überrascht – er bot als ehemals bei der NATO beschäftigter Offizier der Bundeswehr interessante Einblicke in die NATO-Strukturen und hatte eine erfrischend pragmatisch-konstruktive Sichtweise auf nukleare Abrüstung, wenngleich natürlich trotzdem konservativ, aber eben (aus meiner Sicht) in die richtige Richtung konservativ. Oder auch: konservativ zu sein heißt eben nicht, in alten Strukturen aus dem kalten Krieg zu denken.

Natürlich haben wir auch viel zusammen mit den anderen NGOs gemacht, unter anderem die Jugendrede als Teil der NGO-Präsentationen gehalten, an den Morning Caucuses teilgenommen und an einer Vielzahl von Informations- und Diskussionsveranstaltungen sowie zahlreichen anderen Events teilgenommen. Und natürlich unter anderem mit dem “Global Zero Now” Festival selbst etwas dazu beigetragen. Letzteres war leider ob eines gleichzeitig in der UN stattfindenden kostenlosen Konzertes nicht irrsinnig gut besucht, nichts desto trotz hat es viel Spaß gebracht. Zur Vorbereitung haben wir Doppelpostkarten herausgegeben, ein Teil mit einer Aufforderung zur Unterstützung der NTP RevCon wurde an Herrn Westerwelle geschickt, ein anderer mit einer persönlichen Botschaft an die RevCon an die Friedenswerkstatt Mutlangen. Besagte Botschaften wurden dann neben einer großen Ballon-Sonnenblume auf dem Festival präsentiert.

Neben all der Arbeit zur Unterstützung der NPT Review Conference gab es natürlich auch einiges außerhalb der UN in New York zu entdecken. Dank eines etwas begrenzten Geldbugets – bereits die Preise für die Nahrungsmittelgrundversorgung können einfach nur als unverschämt bezeichnet werden – hatten wir zwar wenig Chancen, die ganz berühmten Sehenswürdigkeiten zu betrachten, aber es gab auch so genug anzusehen. Um ein paar Stichwörter zu nennen: Chinatown (Wow. Eine ganz eigene Welt innerhalb von New York) , Freiheitsstatue (Ist die klein im Vergleich zur Manhattan Skyline.), Ground Zero ( … eindrucksvoll. Aber selbst für die Gedenkstätte wollen sie Geld. Kapitalismus der Extraklasse.), Wall Street ( … wie süß. Und eng. Und komplett anders, als ich mir sie vorgestellt habe. Außer dass wirklich alles vergoldet war, was sich nicht gewehrt hat.) und vieles vieles mehr. Bemerkenswert war auch das Stadtbild an sich, so geplante Karo-Städte mit derartigen Wolkenkratzern existieren in Europa schlichtweg nicht. Selbstverständlich waren wir auch am Abend unterwegs, um das New Yorker Nachtleben zu genießen. Ich selbst habe mich zeitweise aufgrund meines anderen Musikgeschmackes selbstständig gemacht. Für die, die damit was anfangen können: Amerikanische Industrial-Partys sind besser als die, auf denen ich in Deutschland war. Weniger Cappuccino, weniger Lärm, mehr guten tanzbaren Industrial.

So far – genug der Reisebeschreibung. Es warten die Vorbereitungen für einen englischen Kurzvortrag über New York sowie zwei weitere Blogeinträge, die ich nach dem morgigen Ende der NPT RevCon veröffentlichen werde: “Medieneinsatz der (nuklearen) Abrüstbewegung” und “Ergebnisanalyse aus der Sicht eines jungen Erwachsenen”.

Solange hoffe ich darauf, dass sich die Diplomaten auf ein konstruktives und wirkungsvolles Abschlusspaper einigen können. So viel Zeit ist nicht mehr, die Konferenz ist morgen zu Ende, die Weiterverbreitung schreitet voran, und nach dem Misserfolg 2005 ist es wirklich Zeit für signifikante und konkrete Schritte voran. Meine Generation hat diese Waffen nicht gebaut, und die Zeiten des kalten Krieges sind wirklich endgültig vorbei. Im 21. Jahrhundert gibt es neue Probleme, die es zu lösen gilt, und nukleare Waffen sind dabei nur noch ein Hindernis. Ein gefährliches Hindernis. Also: weg damit! :)

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